Am Samstagabend kam erstmals in einer Partie von Liverpool ein Videoschiedsrichter zum Einsatz. Doch die Offiziellen sind über das Ziel hinausgeschossen, meint Sven Ziegler.

Als zu Beginn dieser Saison bekannt wurde, dass in England gewisse Spiele mit einem Videoschiedsrichter bestritten werden, war die Aufregung gross. Nachdem der Videoschiedsrichter in der deutschen Bundesliga längst Alltag geworden war, sollte die Technologie nun auch im Mutterland des Fussballs Einzug halten.

Die Premier League ist von dieser Änderung vorerst nicht betroffen, sehr wohl allerdings der FA Cup. Seit der dritten Runde kommen dort zusätzliche Schiedsrichter zum Einsatz, welche von einem externen Studio aus strittige Szenen beobachten und die Entscheidung des Unparteiischen auf dem Feld allenfalls korrigieren.

Am Samstag kam der Videoschiedsrichter oder VAR nun auch erstmals in Anfield zum Einsatz. Die dritte Runde gegen Everton wurde von der FA als ‘zu wichtig’ angesehen, um einen Videoschiedsrichter zu testen.

Auf dem Feld stand Craig Pawson, ein erfahrener Unparteiischer. In dieser Saison leitete der 38-Jährige bereits 25 Partien in der Premier League. Am Bildschirm sass Andre Marriner, auch er ein erfahrener Unparteiischer. Allgemein wurde erwartet, dass der Videoschiedsrichter nur selten zum Einsatz kommen würde, wie beim Debütspiel zwischen Brighton und Crystal Palace vor rund drei Wochen.

Damals kam der VAR erst kurz vor Ende zum Einsatz, als Glenn Murray den entscheidenden Treffer erzielte.Zunächst hatte es so ausgesehen, als ob Murray den Ball mit dem Arm ins Tor bugsiert hatte. Nach Rücksprache mit Video-Assistent Neil Swarbrick gab der Schiedsrichter das Tor. Nach dem Spiel meinte Brighton-Trainer Chris Hughton, dass er den Kontakt des Unparteiischen mit dem Videoschiedsrichter nicht einmal bemerkt habe.

Entscheidungen müssen schnell getroffen werden – nicht wie am Samstag

Vor der Saison wurden die englischen Schiedsrichter in der neuen Technologie geschult. Während dem rund einstündigen Meeting, welches auch online verfügbar ist, wurde von Seiten der Verantwortlichen immer wieder betont, dass Entscheidungen schnell und unauffällig getroffen werden sollten.

Dies war am Samstag in Anfield nicht der Fall. Vor allem der zweite von drei VAR-Entscheidungen dauerte in meinen Augen deutlich zu lange. Mohamed Salah wurde im Strafraum zu Boden gerissen, Pawson deutete erst ein Weiterspielen an, nach einer vierminütigen (!) Konsultation des TV-Bildschirms entschied er dennoch auf Elfmeter für die Reds. In diesen vier Minuten standen die Spieler herum, redeten auf den Schiedsrichter ein und zerstörten so den ganzen Spielfluss.

Bereits zuvor wurde der Videoschiedsrichter kontaktiert. West Brom erzielte ein Tor, Simon Mignolet wurde von Gareth Barry allerdings zurückgehalten. Barry stand bei seinem Vergehen knapp im Abseits, weswegen das Tor nicht gegeben wurde. Unter normalen Umständen, in einem normalen Ligaspiel, hätte es wohl keine Diskussion gegeben. Selbst die Liverpool-Spieler reklamierten nach dem Tor nicht auf Abseits, nur Pawson selbst entschied sich zur Rücksprache mit Marriner.

Lange Unterbrüche erhöhen das Verletzungsrisiko

Nach dem Spiel äusserten sich beide Trainer zum Videoschiedsrichter. Während Jürgen Klopp eher lobende Worte für die zusätzliche Instanz übrig hatte, mahnte West Brom-Trainer Alan Pardew zur Vorsicht. Er ist überzeugt, dass der Videoschiedsrichter am Samstag über das Ziel hinausgeschossen ist.

“Es gab keine Kommunikation zwischen dem Schiedsrichter und uns. Er hat das Tor von Dawson aberkannt, welches in einem normalen Ligaspiel ganz sicher gegeben worden wäre. Es geht hier um Millimeter, die keinen Einfluss auf das Geschehen haben.”

“Die grösste Entscheidung war es aber, unsere Spieler vier oder fünf Minuten einfach herumstehen zu lassen. Die Spieler sind innert Sekunden von einem hohen Tempo auf Null.”

“Kurz danach hat sich einer unserer Spieler verletzt. In Zukunft müssen wir unsere Spieler wohl zum Aufwärmen schicken, damit sie warm bleiben.”

Tatsächlich dürften beide Mannschaften wenig Freude an der langen Pause gehabt haben. Ständige Unterbrüche erhöhen die Gefahr von Verletzungen enorm, das wissen sowohl Klopp als auch Pardew.

Der VAR existiert nur in der obersten Liga – und sorgt dennoch für Kritik

Der Videoschiedsrichter wurde aus einem eigentlich guten Grund eingeführt. In den vergangenen Jahren nahm die Kritik an den Schiedsrichtern immer mehr zu, wenn diese eine falsche Entscheidung fällen. Auch wenn die Entscheidung grundsätzlich richtig ist: am Ende kritisierte eine Seite immer den Unparteiischen.

Deswegen haben die Verantwortlichen nach einer Lösung gesucht, den Druck von den Offiziellen zu nehmen. Mit dem Videoschiedsrichter können unklare Entscheidungen noch einmal überprüft werden. Im FA Cup sollte die Technologie übrigens nur zum Einsatz kommen, wenn ein klarer Fehler von Seiten des Schiedsrichters gemacht wurde. Ausser beim Elfmeter-Entscheid war das für mich am Samstag nicht der Fall.

Der Videoschiedsrichter hat jedoch noch einen weiteren grossen Nachteil. Viele Leute spielen Fussball, doch nur die allerwenigsten Leute spielen diesen in einem Premier League-Stadion mit nunmehr fünf Schiedsrichtern. Wenn ich am nächsten Samstag ein Spiel zwischen zwei Fünftligisten leiten werde, stehe ich alleine auf dem Platz, ohne Videoschiedsrichter. Wohl oder übel werde ich in den Augen der Trainer Fehlentscheidungen treffen, doch gehört das nicht auch zum Fussball?

Wo ist die Balance zwischen fehlerfreier Spielleitung und dem traditionellen Aspekt des Fussballs?

 

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